Geschichte

Bauvereins Wiege stand in der Gaststätte "Abt"

Geschäftsanteil Bauverein Kettwig von 1921 Im letzten Jahr des 1. Weltkrieges trafen sich etwa 70 Männer - vor allem Eisenbahner und Postbeamten - in der Gastwirtschaft "Abt" und beschlossen die Gründung einer gemeinnützigen Baugenossenschaft.
Robert Dehnke, Franz Münzenhofer und Bernhard Nienhaus wurden beauftragt, einen Satzungsentwurf auszuarbeiten.
Die nächste Zusammenkunft gilt als Geburtstag des Bauvereins: Am 10. Oktober fand die ,,1. Generalversammlung" statt.
Weitblickend eine der ersten Entscheidungen der Gründer: Auch andere Berufsgruppen können sich beteiligen.

Damals hatte der Aufsichtsrat neun Mitglieder. Die Namen: Wilhelm Riemenschneider, Robert Dehnke, Gerhard Altenschmitz, Ferdinand Wüsthoff, Albert Hermanns, Wilhelm Rahmann, August Dörnenburg, Franz Pötsch und Wilhelm Prenger.

Zu Vorstandsmitgliedern gewählt wurden: Franz Münzenhofer (1. Vorsitzender), Heinrich Decker (2. Vorsitzender), Bernhard Niehaus, (1. Kassierer), Max Braig (2. Kassierer), August Körner (1. Schriftführer), Otto Pietz (2. Schriftführer).

 

10. Oktober 1918, Gründungsdatum des Bauvereins.

Sein Ziel (§ 2 der damaligen Satzung): "Der Zweck der Genossenschaft ist darauf gerichtet, minderbemittelten Familien oder Personen gesunde und zweckmäßig eingerichtete Wohnungen in eigens erbauten oder angekauften Häusern zu billigen Preisen zu verschaffen."
Jeder Kettwiger (!) konnte Mitglied werden. Das Eintrittsgeld betrug fünf Reichsmark. 300 Mark Geschäftsanteil mußten eingezahlt werden. Allerdings:
Es waren Monatsraten (fünf Mark) oder Wochenraten (eine Mark) möglich.
1927 heißt es dazu in einer Veröffentlichung des Bauvereins: "Die Aufbringung dieser geringen Teilbeträge dürfte im allgemeinen bei ernstem Willen auch minderbemittelten Kreisen sehr wohl möglich sein."
Der Anfang war gemacht, die Genossenschaft gegründet. Doch noch war kein einziges Haus gebaut.
Da fand der junge Bauverein in der Reichsbahndirektion Essen einen hilfswilligen Partner.
Die Reichsbahndirektion Essen, die an der Unterbringung ihrer Beamten interessiert war, erklärte sich bereit,
das Unternehmen finanziell zu unterstützen. Sie machte ihre Mitwirkung jedoch davon abhängig, daß wenigstens 30.000 Mark Eigenkapital zur Verfügung standen.
Das war ein klares Ziel! Und es gelang binnen eines Jahres, 100 Mitglieder zu werben. Das bedeutete: Die 30.000 Mark Eigenkapital waren erreicht, die Bedingung wurde erfüllt.
Wenn man bedenkt, daß der Durchschnittsverdienst im Jahre 1918 etwa 150 Mark monatlich betrug, kann man ermessen, welche Opfer die Mitglieder auf sich nahmen, um eine Genossenschaftswohnung zu erlangen.
Durch Bauunternehmer ließ der Bauverein 1919 die ersten Häuser in der Gartenstraße (sieben Einfamilienhäuser, Nr. 23 bis 35) und der Volckmarstraße (ein Vierfamilienhaus, Nr. 8) errichten. Dies sind also die ältesten, vom Bauverein erbauten Gebäude.
Die ersten Gebäude waren der Grundstein für die folgenden erfolgreichen Jahre des Bauvereins. Der Bauverein war schon nach einem Jahr ein ernstzunehmender, vertrauenswürdiger Partner geworden, mit dem man rechnen konnte (und mußte).

 

Das "Abenteuer Weinberg": Zeit der Pioniertaten

Siedlung am WeinbergDie ersten Häuser - der erste Erfolg.
Doch mit der Geldentwertung der Jahre 1919 und 1920 wurde der junge Bauverein vor ernste Probleme gestellt.
Die Inflation fraß die Eigenmittel auf.
Doch die Genossenschaft fand eine Lösung. Man griff "auf die Quelle aller Werte, die Arbeit" zurück und schaltete um der Inflation zu entgehen jede geldliche Vergütung aus.
Zu diesem Zweck wurde eine SelbsthilfeSiedlergemeinschaft gebildet.
60 Interessenten meldeten sich. Sie schlossen mit dem Bauverein gleichlautende Verträge mit der Kernaussage, daß jeder Siedler nach seiner persönlichen Eignung bis zur Fertigstellung des letzten der geplanten Häuser Bauarbeiten zu leisten habe - und zwar ohne geldliche Entlohnung.
Die Kettwiger Stadtverwaltung, die den Bauverein bisher immer unterstützt hatte, versagte auch jetzt ihre Hilfe nicht. Sie stellte der Genossenschaft und der Selbsthilfe-Siedlergemeinschaft ein Grundstück zur Verfügung.
Es sollte zur Errichtung eines Probehauses dienen.
Das Grundstück lag im Berg gegenüber dem Bahnhof, etwa dort, wo heute die "Himmelsleiter" genannte Treppe zum Bilstein liegt. Damit begann das "Abenteuer Weinberg".
Damals erhob sich der heutige Weinberg über der zum Bahnhof führenden Straße. Es gab keinen Weg, keinen Steg. Ginsterbüsche, Brombeersträucher und Unkraut bestimmten sein Äußeres.
Heute ist unvorstellbar, mit welch' primitiven Mitteln damals der Bau des Probehauses begonnen wurde.
Die Baustoffe wurden in primitiver Arbeitsweise den Berghang auf steilen Bretterwegen hinaufgetragen, hochgeschaufelt oder bergan gekarrt.
So konnte es nicht weitergehen! Zum Glück konnte der Bauverein eine Aufzugbahn mit Handbetrieb beschaffen. Mühsam wurde die Arbeitserleichterung in den Berg gebaut. Mit Ziehkarren wurden die Baustoffe vom nahegelegenen Bahnhof an den Aufzug gefahren.
Später wurde durch die Firma Joh.
Wilh. Scheidt (Kammgarnspinnerei und Tuchfabrik, ehemals größter Arbeitgeber Kettwigs) ein Elektromotor
kostenlos leihweise zur Verfügung gestellt. Nun genügte eine Hebelbewegung, um den beladenen Wagen nach oben zu bringen, während der leere Wagen seine Talfahrt machte. Diese Errungenschaft gab dem Bauprojekt viel Auftrieb, zeigte den Siedlern, daß es sichtlich voranging.
Mit den fortschreitenden Arbeiten erreichte die Bergbahnstrecke nach und nach eine solche Höhe und Länge, daß eine Zwischenumladung erfolgen mußte. Von dieser Umladestelle übernahm ein anderer Rollwagen den Weitertransport zur aktuellen Baustelle.
Doch es war nicht das einzige Problem, die Baustoffe "nach oben" zu schaffen.
Ziegelsteine konnte sich die junge Genossenschaft nicht leisten, und die billigeren Schlackensteine gab es bald nicht mehr, weil die Lieferfirmen ihre Produktion einstellten.
So wurden also in Eigenbetrieb Ambiwinkelsteine gestampft. Auch die Dachziegel mußten in Eigenproduktion hergestellt werden.

 

Der bezwungene Berg: Ein Haus als Belohnung

Da der Berg nun einmal bezwungen und die Zahl der Interessenten groß war, blieb es nicht bei dem einen Probehaus. Weitere Häuser wurden gebaut, und die Selbsthilfe sparte etwa 30 Prozent der Baukosten.
Der Weinberg war gefragtes Wohngebiet. Die Südlage, die gute Luft und die Nähe zum Bahnhof verliehen ihm viel Attraktivität.
Die Zuteilung der Häuser erfolgte nach dem Leistungsprinzip. Wer am Tage der Fertigstellung eines Neubaues die meisten Arbeitsstunden geleistet hatte, erhielt das betreffende Haus.
Handelte es sich um ein Doppelhaus, so wurden die beiden Höchstleistungen berücksichtig.
Wollten zwei Siedler ein Doppelhaus erlangen, so konnten sie zusammenarbeiten, mußen hierüber aber eine schriftliche Erklärung hinterlegen.
Die Arbeitsstunden dieser beiden Siedler wurdem am Tage der Fertigstellung zusammengerechnet und durch zwei geteilt.
Das Doppelhaus wurde ihnen zugesprochen, wenn das Resultat an erster Stelle stand.

 

Tod und Zerstörung im zweiten Weltkrieg

Häuser im KimpelDer zweite Weltkrieg beendete die gesamte Bautätigkeit. Für den Bauverein bedeutete das nicht nur Stillstand. Er verlor in dem sonst von Kriegseinwirkung fast unberührten Gebiet der Stadt Kettwig sogar zahlreiche Häuser.
Bei einem Luftangriff im März 1944 wurde der größte Teil der Wohnungen Im Kimpel und Am Bilstein zerstört oder schwer beschädigt.
Unter den neun Toten dieses Wohngebietes befand sich auch der Aufsichtsratsvorsitzende und Bauvereins-Mitbegründer Franz Münzenhofer.
Zerstört wurde auch das Geschäftszimmer des Bauvereins, das sich in einem der getroffenen Gebäude befand. Der Stahlschrank mit den Büchern des Bauvereins fiel vom ersten Stock auf die Straße. Die Tür war derart verklemmt, daß man nur nach massivem Werkzeugeinsatz an die Akten kommen konnte.
Immerhin: Die Unterlagen der Genossenschaft hätten auch verbrennen können.
Der alte Stahlschrank aus dem Kimpel steht heute noch im Keller der Geschäftsstelle.

 

Neue Häuser als ein Symbol der Hoffnung

Nach Ende des Krieges versuchte der Bauverein, die Wohnungsnot unter seinen Mitgliedern zu lindern. Dabei stellten nicht nur die Trümmer Hindernisse dar: Es gab kaum Baustoffe.
Sie konnten nur mit viel Einfallsreichtum und mit Verbindungen auf dem Tauschwege beschafft werden.

Zauberwort "Währungsreform": Mit dem beginnenden wirtschaftlichen Aufschwung setzt auch die Bautätigkeit beim Bauverein wieder in vollem Umfang ein.

Die ersten Nachkriegsgebäude waren die Kirchfeldstraße 19 und 19 a mit acht Wohnungen und Im Kimpel 58 mit sechs Wohnungen.
Diese Häuser symbolisieren die Hoffnung auf eine bessere Zeit; auch der Bauverein "krempelte die Ärmel hoch".

Vertriebene und Flüchtlinge stellten die Stadt Kettwig in der zweiten Hälfte der 40er/Anfang der 50er Jahre vor große Probleme. Von Juli 1946 bis März 1952 wurden 13 Vertriebenenlager mit rund 330 Betten errichtet. Ab

1953 kamen dann Flüchtlinge aus der damaligen DDR. Auch hier waren bis 1956 noch einmal etwa 360 Personen aufzunehmen.
In der Chronik ,,100 Jahre Stadt Kettwig" von 1957 heißt es: "Der Kettwiger Bauverein schaltete sich anerkennenswert ein." - Lapidarer Hinweis auf einen Kraftakt.
Im Rahmen des sogenannten "Stoßprogramms" wurden 1950 und 1951 die Häuser auf der Heinrich-Heine-Straße sowie einige Häuser in der Kaiserstraße gebaut. Am Stammensberg wurde ein Ubergangswohnheim errichtet.
Schnell und klein wurde damals gebaut ~ doch die Vertriebenen und Flüchtlinge waren glücklich. Mit Sonderkonditionen wurden sie in den Bauverein aufgenommen, konnten den Genossenschaftsanteil mit drei Mark im Monat abzahlen.

Diese Menschen waren teilweise anfangs so arm, daß sie keine Möbel in ihren Wohnungen hatten. Sie besorgten sich vom Schmachtenbergshof Stroh und schliefen darauf. - Das ist gerade mal 40 Jahre her.

 

Haus Volckmarstraße um 1968Häuser Gartenstraße um 1970Häuser Akademiestraße um 1970

 

 Zeittafel

1919 Am 31. 12. 1918 verzeichnet der am 10. Oktober dieses Jahres gegründete Bauverein 60 Mitglieder mit 64 Anteilen zu je 300 Reichsmark.
1921 Fünf Einfamilienhäuser am Bilstein zu fünf bzw. sechs Zimmern mit Spülküche, großen Hausgärten, wurden durch Eigenarbeitsleistung der Siedlergenossenschaft erbaut.
1923 203 Mitglieder mit dem damaligen Doppelrekord: 539 Anteile zu je 10.000 Reichsmark (inflationsbedingt).
1927 1927 besitzt der Bauverein 50 Häuser mit 56 Wohnungen - nach nur neun Jahren.
1932 In diesem Jahr begann die Stadt Kettwig den Bau der Kleinsiedlungen Laupendahl und Ickten. Der Bauverein übernahm später die Trägerschaft und führte die Siedlungsmaßnahmen fort, baute Laupendahl und Ickten weiter aus. Unter Federführung des Bauvereins entstanden 1936 bis 1939 die Siedlungen Hummelshagen und die Sachsensiedlung in Mintard.
1944 Eine Luftmine tötet im Bereich Kimpel/Bilstein neun Menschen, unter ihnen auch der Aufsichtsratsvorsitzende des Bauvereins und Mitbegründer Franz Münzenhofer.
1949 Neubeginn, die Häuser Kirchfeldstraße 19 und 19 a (je vier Wohnungen) und Im Kimpel5 - 8 (sechs Wohnungen) entstehen als erste Nachkriegsbauten.
1957 In diesem Jahr werden 56 (!) Wohnungen fertiggestellt, und zwar in der Karlstraße 10, Am Stammensberg 2, 4, und 6, in der Kaiserstraße 24 und 26, in der Breslauer Straße 1,2,3,4,5 und 6.
1965 Zwar waren auch in den Jahren zwischen 1958 und 1965 immer etliche Wohnungen im Bau, doch dieses Jahr entstehen, von der Bevölkerung freudig begrüßt, 48 Wohnungen an der heutigen Seilerei, früher KaiserWilhelm-Platz, der frühere städtische Kirmesplatz.
1968 Der Bauverein feiert sein 50jähriges Bestehen. Er besitzt 82 Häuser mit 406 Wohnungen, vier Ladenlokalen und 29 Garagen.
1969 Bau von 20 Wohnungen in der Hegelstraße
1969 Bau von 5 Wohnungen in der Rinderbachstraße
1971 Bau von 6 Wohnungen in der Landsberger Straße
1972 44 Wohnungen an der Icktener Straße und dem Kaienburgsweg werden fertiggestellt 
1975 Eingemeindung der Stadt Kettwig nach Essen
1978 An der Rheinstraße werden 18 Wohnungen, davon 11 Altenwohnungen, bezugsfertig
1978 13 Wohnungen entstehen an der Graf-Zeppelin-Straße
1990 Wegfall der Gemeinnützigkeit (durch eine Gesetzesnovelle)
1993 Der Bauverein wird 75
Wir bewirtschaften einen Eigenbestand von 658 Wohnungen, 3 Läden, 3 sonstigen gewerblichen Einheiten und 70 Garagen
2009 Die Häuser Am Hofacker werden saniert und energetisch auf den neuesten Stand gebracht
2011 Die Häuser An der Seilerei werden modernisiert
2015 Unser neuer Treffpunkt in v.d. Brücke wird eröffnet, Ringstraße 150
2016 In den vergangen 30 Jahren konzentriert sich die Genossenschaft auf den Erhalt und die Modernisierung des Bestandes
Heute bewirtschaftet der Bauverein Kettwig einen Bestand von 609 Wohnungen, 94 Garagen und 2 Gewerbeeinheiten

 






Bauvereins Wiege stand in der Gaststätte "Abt"

Im letzten Jahr des 1. Weltkrieges trafen sich etwa 70 Männer - vor allem Eisenbahner und

Postbeamten - in der Gastwirtschaft "Abt" und beschlossen die Gründung einer gemeinnützigen

Baugenossenschaft.
Robert Dehnke, Franz Münzenhofer und Bernhard Nienhaus wurden beauftragt, einen

Satzungsentwurf auszuarbeiten.
Die nächste Zusammenkunft gilt als Geburtstag des Bauvereins: Am 10. Oktober fand die ,,1.

Generalversammlung" statt.
Weitblickend eine der ersten Entscheidungen der Gründer: Auch andere Berufsgruppen können

sich beteiligen.

Damals, wie wieder heute, hatte der Aufsichtsrat neun Mitglieder. Die Namen: Wilhelm

Riemenschneider, Robert Dehnke, Gerhard Altenschmitz, Ferdinand Wüsthoff, Albert Hermanns,

Wilhelm Rahmann, August Dörnenburg, Franz Pötsch und Wilhelm Prenger.

Zu Vorstandsmitgliedern gewählt wurden: Franz Münzenhofer (1. Vorsitzender), Heinrich Decker

(2. Vorsitzender), Bernhard Niehaus, (1. Kassierer), Max Braig (2. Kassierer), August Körner

(1. Schriftführer), Otto Pietz (2. Schriftführer).

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10. Oktober 1918, Gründungsdatum des Bauvereins. Sein Ziel (§ 2 der damaligen Satzung): "Der

Zweck der Genossenschaft ist darauf gerichtet, minderbemittelten Familien oder Personen

gesunde und zweckmäßig eingerichtete Wohnungen in eigens erbauten oder angekauften Häusern zu

billigen Preisen zu verschaffen."
Jeder Kettwiger (!) konnte Mitglied werden. Das Eintrittsgeld betrug fünf Reichsmark. 300

Mark Geschäftsanteil mußten eingezahlt werden. Allerdings:
Es waren Monatsraten (fünf Mark) oder Wochenraten (eine Mark) möglich.
1927 heißt es dazu in einer Veröffentlichung des Bauvereins: "Die Aufbringung dieser geringen

Teilbeträge dürfte im allgemeinen bei ernstem Willen auch minderbemittelten Kreisen sehr wohl

möglich sein."
Der Anfang war gemacht, die Genossenschaft gegründet. Doch noch war kein einziges Haus

gebaut.
Da fand der junge Bauverein in der Reichsbahndirektion Essen einen hilfswilligen Partner.
Die Reichsbahndirektion Essen, die an der Unterbringung ihrer Beamten interessiert war,

erklärte sich bereit,
das Unternehmen finanziell zu unterstützen. Sie machte ihre Mitwirkung jedoch davon abhängig,

daß wenigstens 30.000 Mark Eigenkapital zur Verfügung standen.
Das war ein klares Ziel! Und es gelang binnen eines Jahres, 100 Mitglieder zu werben. Das

bedeutete: Die 30.000 Mark Eigenkapital waren erreicht, die Bedingung wurde erfüllt.
Wenn man bedenkt, daß der Durchschnittsverdienst im Jahre 1918 etwa 150 Mark monatlich

betrug, kann man ermessen, welche Opfer die Mitglieder auf sich nahmen, um eine

Genossenschaftswohnung zu erlangen.
Durch Bauunternehmer ließ der Bauverein 1919 die ersten Häuser in der Gartenstraße (sieben

Einfamilienhäuser, Nr. 23 bis 35) und der Volckmarstraße (ein Vierfamilienhaus, Nr. 8)

errichten. Dies sind also die ältesten, vom Bauverein erbauten Gebäude.
Die ersten Gebäude waren der Grundstein für die folgenden erfolgreichen Jahre des Bauvereins.

Der Bauverein war schon nach einem Jahr ein ernstzunehmender, vertrauenswürdiger Partner

geworden, mit dem man rechnen konnte (und mußte).

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Das "Abenteurer Weinberg": Zeit der Pioniertaten

Die ersten Häuser - der erste Erfolg.
Doch mit der Geldentwertung der Jahre 1919 und 1920 wurde der junge Bauverein vor ernste

Probleme gestellt.
Die Inflation fraß die Eigenmittel auf.
Doch die Genossenschaft fand eine Lösung. Man griff "auf die Quelle aller Werte, die Arbeit"

zurück und schaltete um der Inflation zu entgehen jede geldliche Vergütung aus.
Zu diesem Zweck wurde eine SelbsthilfeSiedlergemeinschaft gebildet.
60 Interessenten meldeten sich. Sie schlossen mit dem Bauverein gleichlautende Verträge mit

der Kernaussage, daß jeder Siedler nach seiner persönlichen Eignung bis zur Fertigstellung

des letzten der geplanten Häuser Bauarbeiten zu leisten habe - und zwar ohne geldliche

Entlohnung.
Die Kettwiger Stadtverwaltung, die den Bauverein bisher immer unterstützt hatte, versagte

auch jetzt ihre Hilfe nicht. Sie stellte der Genossenschaft und der Selbsthilfe-

Siedlergemeinschaft ein Grundstück zur Verfügung.
Es sollte zur Errichtung eines Probehauses dienen.
Das Grundstück lag im Berg gegenüber dem Bahnhof, etwa dort, wo heute die "Himmelsleiter"

genannte Treppe zum Bilstein liegt. Damit begann das "Abenteuer Weinberg".
Damals erhob sich der heutige Weinberg über der zum Bahnhof führenden Straße. Es gab keinen

Weg, keinen Steg. Ginsterbüsche, Brombeersträucher und Unkraut bestimmten sein Äußeres.
Heute ist unvorstellbar, mit welch' primitiven Mitteln damals der Bau des Probehauses

begonnen wurde.
Die Baustoffe wurden in primitiver Arbeitsweise den Berghang auf steilen Bretterwegen

hinaufgetragen, hochgeschaufelt oder bergan gekarrt.
So konnte es nicht weitergehen! Zum Glück konnte der Bauverein eine Aufzugbahn mit

Handbetrieb beschaffen. Mühsam wurde die Arbeitserleichterung in den Berg gebaut. Mit

Ziehkarren wurden die Baustoffe vom nahegelegenen Bahnhof an den Aufzug gefahren.
Später wurde durch die Firma loh.
Wilh. Scheidt (Kammgarnspinnerei und Tuchfabrik, ehemals größter Arbeitgeber Kettwigs) ein

Elektromotor
kostenlos leihweise zur Verfügung gestellt. Nun genügte eine Hebelbewegung, um den beladenen

Wagen nach oben zu bringen, während der leere Wagen seine Talfahrt machte. Diese

Errungenschaft gab dem Bauprojekt viel Auftrieb, zeigte den Siedlern, daß es sichtlich

voranging.
Mit den fortschreitenden Arbeiten erreichte die Bergbahnstrecke nach und nach eine solche

Höhe und Länge, daß eine Zwischenumladung erfolgen mußte. Von dieser Umladestelle übernahm

ein anderer Rollwagen den Weitertransport zur aktuellen Baustelle.
Doch es war nicht das einzige Problem, die Baustoffe "nach oben" zu schaffen.
Ziegelsteine konnte sich die junge Genossenschaft nicht leisten, und die billigeren

Schlackensteine gab es bald nicht mehr, weil die Lieferfirmen ihre Produktion einstellten.
So wurden also in Eigenbetrieb Ambiwinkelsteine gestampft. Auch die Dachziegel mußten in

Eigenproduktion hergestellt werden.

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Der bezwungene Berg: Ein Haus als Belohnung

Da der Berg nun einmal bezwungen und die Zahl der Interessenten groß war, blieb es nicht bei

dem einen Probehaus. Weitere Häuser wurden gebaut, und die Selbsthilfe sparte etwa 30 Prozent

der Baukosten.
Der Weinberg war gefragtes Wohngebiet. Die Südlage, die gute Luft und die Nähe zum Bahnhof

verliehen ihm viel Attraktivität.
Die Zuteilung der Häuser erfolgte nach dem Leistungsprinzip. Wer am Tage der Fertigstellung

eines Neubaues die meisten Arbeitsstunden geleistet hatte, erhielt das betreffende Haus.
Handelte es sich um ein Doppelhaus, so wurden die beiden Höchstleistungen berücksichtig.
Wollten zwei Siedler ein Doppelhaus erlangen, so konnten sie zusammenarbeiten, mußen hierüber

aber eine schriftliche Erklärung hinterlegen.
Die Arbeitsstunden dieser beiden Siedler wurdem am Tage der Fertigstellung zusammengerechnet

und durch zwei geteilt.
Das Doppelhaus wurde ihnen zugesprochen, wenn das Resultat an erster Stelle stand.

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Tod und Zerstörung im zweiten Weltkrieg

Der zweite Weltkrieg beendete die gesamte Bautätigkeit. Für den Bauverein bedeutete das nicht

nur Stillstand. Er verlor in dem sonst von Kriegseinwirkung fast unberührten Gebiet der Stadt

Kettwig sogar zahlreiche Häuser.
Bei einem Luftangriff im März 1944 wurde der größte Teil der Wohnungen Im Kimpel und Am

Bilstein zerstört oder schwer beschädigt.
Unter den neun Toten dieses Wohngebietes befand sich auch der Aufsichtsratsvorsitzende und

Bauvereins-Mitbegründer Franz Münzenhofer.
Zerstört wurde auch das Geschäftszimmer des Bauvereins, das sich in einem der getroffenen

Gebäude befand. Der Stahlschrank mit den Büchern des Bauvereins fiel vom ersten Stock auf die

Straße. Die Tür war derart verklemmt, daß man nur nach massivem Werkzeugeinsatz an die Akten

kommen konnte.
Immerhin: Die Unterlagen der Genossenschaft hätten auch verbrennen können.
Der alte Stahlschrank aus dem Kimpel steht heute noch im Keller der Geschäftsstelle.

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Neue Häuser als ein Symbol der Hoffnung

Nach Ende des Krieges versuchte der Bauverein, die Wohnungsnot unter seinen Mitgliedern zu

lindern. Dabei stellten nicht nur die Trümmer Hindernisse dar: Es gab kaum Baustoffe.
Sie konnten nur mit viel Einfallsreichtum und mit Verbindungen auf dem Tauschwege beschafft

werden.

Zauberwort "Währungsreform": Mit dem beginnenden wirtschaftlichen Aufschwung setzt auch die

Bautätigkeit beim Bauverein wieder in vollem Umfang ein.

Die ersten Nachkriegsgebäude waren die Kirchfeldstraße 19 und 19 a mit acht Wohnungen und Im

Kimpel 58 mit sechs Wohnungen.
Diese Häuser symbolisieren die Hoffnung auf eine bessere Zeit; auch der Bauverein "krempelte

die Ärmel hoch".

Vertriebene und Flüchtlinge stellten die Stadt Kettwig in der zweiten Hälfte der 40er/Anfang

der 50er Jahre vor große Probleme. Von Juli 1946 bis März 1952 wurden 13 Vertriebenenlager

mit rund 330 Betten errichtet. Ab

1953 kamen dann Flüchtlinge aus der damaligen DDR. Auch hier waren bis 1956 noch einmal etwa

360 Personen aufzunehmen.
In der Chronik ,,100 Jahre Stadt Kettwig" von 1957 heißt es: "Der Kettwiger Bauverein

schaltete sich anerkennenswert ein." - Lapidarer Hinweis auf einen Kraftakt.
Im Rahmen des sogenannten "Stoßprogramms" wurden 1950 und 1951 die Häuser auf der Heinrich-

Heine-Straße sowie einige Häuser in der Kaiserstraße gebaut. Am Stammensberg wurde ein

Ubergangswohnheim errichtet.
Schnell und klein wurde damals gebaut ~ doch die Vertriebenen und Flüchtlinge waren

glücklich. Mit Sonderkonditionen wurden sie in den Bauverein aufgenommen, konnten den

Genossenschaftsanteil mit drei Mark im Monat abzahlen.

Diese Menschen waren teilweise anfangs so arm, daß sie keine Möbel in ihren Wohnungen hatten.

Sie besorgten sich vom Schmachtenbergshof Stroh und schliefen darauf. - Das ist gerade mal 40

Jahre her.

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Zeittafel

Am 31. 12. 1918 verzeichnet der am 10. Oktober dieses Jahres gegründete Bauverein 60

Mitglieder mit 64 Anteilen zu je 300 Reichsmark.

Fünf Einfamilienhäuser am Bilstein zu fünf bzw. sechs Zimmern mit Spülküche, großen

Hausgärten, wurden durch Eigenarbeitsleistung der Siedlergenossenschaft erbaut.

203 Mitglieder mit dem damaligen Doppelrekord: 539 Anteile zu je 10.000 Reichsmark

(inflationsbedingt).

1927 besitzt der Bauverein 50 Häuser mit 56 Wohnungen - nach nur neun Jahren.

In diesem Jahr begann die Stadt Kettwig den Bau der Kleinsiedlungen Laupendahl und Ickten.

Der Bauverein übernahm später die Trägerschaft und führte die Siedlungsmaßnahmen fort, baute

Laupendahl und Ickten weiter aus. Unter Federführung des Bauvereins entstanden 1936 bis 1939

die Siedlungen Hummelshagen und die Sachsensiedlung in Mintard.

Eine Luftmine tötet im Bereich Kimpel/Bilstein neun Menschen, unter ihnen auch der

Aufsichtsratsvorsitzende des Bauvereins und Mitbegründer Franz Münzenhofer.

Neubeginn, die Häuser Kirchfeldstraße 19 und 19 a (je vier Wohnungen) und Im Kimpel5 - 8

(sechs Wohnungen) entstehen als erste Nachkriegsbauten.

In diesem Jahr werden 56 (!) Wohnungen fertiggestellt, und zwar in der Karlstraße 10, Am

Stammensberg 2, 4, und 6, in der Kaiserstraße 24 und 26, in der Breslauer Straße 1,2,3,4,5

und 6.

Zwar waren auch in den Jahren zwischen 1958 und 1965 immer etliche Wohnungen im Bau, doch

dieses Jahr entstehen, von der Bevölkerung freudig begrüßt, 48 Wohnungen an der heutigen

Seilerei, früher KaiserWilhelm-Platz, der frühere städtische Kirmesplatz.

Der Bauverein feiert sein 50jähriges Bestehen. Er besitzt 82 Häuser mit 406 Wohnungen, vier

Ladenlokalen und 29 Garagen.